Eine Welt mit vielen Gesichtern
Iris Gniosdorsch

"Das allgemeine Selbstbewußtsein ist das positive Wissen seiner selbst im anderen Selbst, deren jedes als freie Einzelnheit absolute Selbstständigkeit hat, aber durch die Negation seiner Unmittelbarkeit sich nicht vom andern unterscheidet, allgemeines und obiektiv ist und die reelle Allgemeinheit so hat, als es im freien Andern sich anerkannt weiss, und diess weiss, insofern es das Andere anerkennt und es frei weiss." Diess ist das Selbstbewusstsein als allgemeines, das Ichselbst ist das Sprödeste, aber durch die Bildung ist diess Ichselbst das an sich die freie Allgemeinheit ist reell, in seinem Dasein dieser seiner Allgemeinheit gleich gemacht. Es ist sich selbst zu wissen, seine Freiheit, seine Selbstständigkeit darin zu wissen dass ich das Andere frei weiss, also mein freies Selbstbewusstsein habe in der Freiheit des Selbstbewusstsein der Anderen. Diess allgemeine Wiederscheinen des Selbstbewusstseins, der Begriff, der sich in seiner Objektivität als mit sich identische Subjektivität und darum allgemein weiss, ist die Substanz jeder wesentlichen Geistigkeit; der Familie, des Vaterlandes, des Rechts; so wie alle Tugenden, - der Liebe, Freundschaft, Tapferkeit, der Ehre, des Ruhms. Alle diese Verhältnisse haben zur substantiellen Grundlage das wiederscheinende Selbstbewusstsein, ich bin und scheine diess und dieser Schein ist im Anderen, das Dasein als Anderes ist nur ein Schein, sie sind dasselbe was ich bin und ich bin so nur im Schein des Anderen." (1)

Kunst ist Erkenntnis mit sinnlichen Mitteln. Dieser einfache Satz wird von Alexander Honory in staunenswerter Weise umgesetzt. Im Zentrum seines Werkes steht der Alltagsmensch. Sein fotografisches Selbstbild wird in Fotoserien präsentiert, die bei gesellschaftlich bedeutsamen Schwellen-ereignissen wie Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen oder Familienfeiern aufgenommen wurden. Alexander Honory sammelte Fotografien solcher Feierlichkeiten, die gleichzeitig ein Dokument des Selbstverständnisses der Fotografierenden sind und - in der Reihung - die starke gesellschaftliche Konformität eben dieser Ereignisse zeigen.

In seinem neuen Projekt will Alexander Honory dieses Thema in einem grossangelegten künstlerischen "Feldversuch" weiter ausbauen. Sein Interesse zielt kontinuierlich auf die spannungsreiche Verwobenheit zwischen der individuellen Besonderheit des Einzelnen und den allgemeinen gesellschaftlichen Strukturen. Analog zu einem naturwissenschaftlichen Experiment werden einige wenige Grundparameter festgelegt und Arbeits-hypothesen gebildet. Auf vier Kontinenten werden in insgesamt zwölf Städten jeweils die Gesichter von 720 Passanten vor neutralem Hintergrund frontal fotografiert und zehn Sekunden lang auf Video aufgenommen. Die Aufnahmen finden in Bürocontainern statt, die an zentralen Plätzen dieser Städte aufgestellt sind. Für jede Stadt werden die Bilder in einer Publikation und auf Videoband dokumentiert und städtischen Archiven zu Forschungszwecken überlassen.

Die Arbeitshypothesen für diese Projekte lauten:

1) Wenn der Mensch, wie etwa in dem oben aufgeführten Hegelwort, für seine Persönlichkeitsbildung massgeblich auf sein gesellschaftliches Umfeld angewiesen ist, kann man dann in den Fotografien der Gesichter von Menschen an einem bestimmten Ort etwas von den "Verhältnissen" dieses Ortes und dieser Zeit wahrnehmen ?

2) Wie nehme ich Gesichter wahr, wenn ich sie auf Tausenden von Fotos nacheinander und als ein über 24 Stunden fortlaufendes Video sehe ? Ist die Erinnerung an einzelne Gesichter in dieser Reihung möglich oder stellt sich ein diffuses atmosphärisch aufgeladenes Bildgemenge ein ?

3) Stellen sich nach der Betrachtung aller Fotos gemeinsame Merkmale der Gesichter heraus oder überwiegt das Bedürfnis unterscheidende Details herauszustellen ?

Wahrnehmungspsychologische Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen zunächst das Gesicht und darin wiederum die Augen mit dem Blick abtasten und darüber eine Person identifizieren, aber auch emotional beurteilen. Die Betrachtung der Arbeit Alexander Honorys kann darüber aufklären, wie die persönlichen Identifikationsmuster aussehen.

Sozialpsychologische Forschungen haben ausserdem gezeigt, dass beim Anblick eines Gesichts in Sekundenschnelle definitive und kaum mehr revidierbare Entscheidungen über Sympathie und Missfallen getroffen werden. Dieses Projekt könnte standardisierte persönliche Beurteilungsmechanismen mit künstlerischen Mitteln offenlegen. Es könnte aber auch gesellschaftliche Vorurteilsstrukturen im Ländervergleich aufzeigen. Da das Bildmaterial archiviert wird, sind darüber hinaus diachrone Wahrnehmungsstudien möglich, die belegen könnten, dass bestimmte Gesichter nicht mehr Gefühle der Fremdheit oder Angst hervorrufen, wenn sich gesellschaftliche oder persönliche Rahmenbedingungen verändert haben.

Alexander Honorys Projekt ist damit im besten Sinne ein modernes Kunstwerk, da sich die formalen Mittel und die Konzeption auf dem Niveau des ausgehenden 20. Jahrhunderts adäquat bewegen. Das gilt auch für seine räumliche Weite, denn die realen Personen im "global village" Erde werden von ihm als Masse und als Individuen künstlerisch reflektiert. Ähnlich wie beim ‹bergang vom gemalten Bild zum Foto vermittelt inzwischen das Foto einen "auratischen" (Walter Benjamin) Nimbus der dargestellten Persönlichkeit, wie ihn das Computerbild bisher nicht bei uns erzeugt. Alexander Honory hat ausserdem den Mut, die "Offenheit" seiner Arbeitshypothesen ähnlich einem guten Naturwissenschaftler tatsächlich bis zum Abschluss des Projektes offen zu halten und keine vorschnellen Antworten zu liefern. Im Gegensatz zur Naturwissenschaft lassen sich jedoch seine Kunstwerke nicht auf statistische Ergebnisse reduzieren, da die Art und Weise, wie die Fotografien angeschaut werden können, eben von einem ganzen Universum persönlicher und sozialer Komponenten abhängt, deren Inhalte niemals vollständig quantitativ erfasst werden können. Alexander Honory sucht mit sinnlichen Mitteln, wesentliche Wahrnehmungsarten seiner Zeitgenossen darzustellen, deren Bestimmungen sich in der Spannung zwischen Massenpunkt und der unantastbaren Würde des Einzelnen bewegen.

Iris Gniosdorsch

(1) G.W.F. Hegel, Philosophie des subiektiven Geistes, ß 358, S. 344, Hrg: J. M. Petry


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